Donnerstag, 26. Februar 2009

Holzkreuze verbrannt und zerkleinert: Kein Diebstahl

26.10.1986

Der Pfarrer August Dahl, die Schreinerin Hilde Brück und der Diplomingenieur Hermann Scherrer bekamen Post vom Oberstaatsanwalt Halfmann aus Bad Kreuznach. Es ging um die Strafanzeigen wegen Zerstörung der drei Kreuze auf dem Hügel an der Hunsrückhöhenstraße.

Ermittelt hatte die Staatsanwaltschaft folgendes: In der Nacht von Sonntag auf Montag des 27.Januars 1986 wurden ab etwa 3.00 Uhr die Kreuze "beseitigt, zerkleinert, abgefahren und verbrannt". Der technische Bauleiter Schupp vom Staatsbauamt Koblenz-Nord hatte die Firma "Zaunbau Stoffel GmbH" aus Halsenbach mit diesen Arbeiten beauftragt.
Oberstaatsanwalt Halfmann stellte das Verfahren ein, weil "ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung nicht besteht".
Außerdem wurde aus dem Wunderland der Rechtssprechung erläutert: "Die tatbestandsmäßigen Voraussetzungen des Paragraphen 242 StGB (Diebstahl) liegen nicht vor, weil der Eigentümer (Besitzer) des Grundstücks das Material, aus dem die Kreuze bestanden haben, sich nicht zugeeignet hat. Die Kreuze wurden vielmehr im Auftrag des Beschuldigten Schupp von Arbeitern der Firma Zaunbau-Stoffel GmbH beseitigt, zerkleinert, abgefahren und verbrannt."

Sonntag, 22. Februar 2009

Informationen zur Großdemonstration am 11. Oktober 1986

An die
Gemeinderäte und Bürgermeister
um die Raketenbaustelle Hasselbach

Bell, den 04.8.86

Sehr geehrte Damen und Herren,

zwei Monate vor der Hunsrücker Großdemonstration möchten wir Ihnen, wie versprochen, weitere aktuelle Informationen geben.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Friedensgruppen im gesamten Bundesgebiet sind aktiv. Jede Woche kommen mehrere Gruppen, um sich an der Raketenbaustelle vor Ort ein eigenes Bild über die Situation zu machen. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichten über die Aufrüstung im Hunsrück.

Organisatorisch sind noch viele Probleme zu lösen. Bisher ist es uns gelungen, für ca. 60.000 Demonstrationsteilnehmer Parkmöglichkeiten zu finden. Das entspricht etwa 1.200 Bussen - aneinandergereiht eine Strecke von 20 Kilometern. Hamburger, Berliner und Münchener
Friedensgruppen wollen mit Sonderzügen anreisen.
Die Bahnhöfe von Kastellaun und Bell sind aber natürlich nicht für große Sonderzüge ausgebaut. Die Strecke von Boppard kann außerdem dafür nicht mehr benutzt werden. Es bleibt nur noch die Rheinstrecke von Bingen. Trotzdem sind wir guter Dinge, das die organisatorischen Probleme rechtzeitig gelöst werden.


KEINE GEWALT IM HUNSRÜCK

Nach den Ausschreitungen in Wackersdorf und Brokdorf machen sich viele Hunsrücker Sorgen um gewalttätige Auseinandersetzungen. Dazu ist folgendes zu sagen: Bisher sind alle Veranstaltungen der Friedensbewegung absolut friedlich verlaufen. Während der letzten Großdemonstration in Bonn wurden an Polizisten Blumen verteilt. In der Friedensbewegung sind auch Polizeibeamte aktiv beteiligt. Wir protestieren nicht gegen die Polizisten, sondern gegen die Verantwortlichen der Wahnsinnsrüstung.

Wir wissen ganz genau: Ausschreitungen nützen nicht unseren Zielen, sondern würden uns ungemein schaden.

Sorgen macht uns dabei, das die Bundes- und Landesregierung im Vorwahlkampf gerne den Eindruck verbreiten möchten, die Friedensbewegung sei eine Ansammlung von gewalttätigen Chaoten. Wir werden natürlich alles unternehmen, um Provokateuren keine Chance zu lassen.

Wie wollen wir das erreichen ? Die meisten Teilnehmer, Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder reisen gemeinsam in Bussen als Gruppen an. Diese Gruppen kennen sich untereinander und lassen fremden "Radaubrüdern" keine Gelegenheit, um Rabatz zu schlagen.

Außerdem bieten wir auf mehreren Bühnen ein buntes, für den Hunsrück einmaliges Kulturprogramm an. Wie friedlich es dabei zugehen kann, hat kürzlich ein Festival in Bayern gegen die geplante Atomfabrik bei Wackersdorf mit fast 100.000 Teilnehmern gezeigt.

Wir erwarten im Hunsrück Kirchengruppen, "Ärzte gegen den Atomkrieg", Wissenschaftler, "Ordensleute für den Frieden", Ökologen, Sozialdemokraten, Grüne, Gewerkschaftler, Künstler, Schriftsteller, aber auch Christdemokraten, Soldaten der Bundeswehr und viele, viele Bürger, die gegen die verantwortungslose Aufrüstung ein Zeichen setzten wollen. Deshalb sind wir überzeugt: Es wird eine friedliche Demonstration.
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In den nächsten Tagen wird der Koordinationausschuss der Friedensbewegung in Bonn ein Büro in Kastellaun eröffnen. (Bopparderstr. 25) Vorerst werden dann vier Personen hauptamtlich an
den Vorbereitungen zur Herbstdemonstration arbeiten. Für Fragen, Anregungen aber auch Sorgen steht Ihnen das Büro jederzeit zur Verfügung. Die Telefonnummer werden wir im nächsten Rundbrief bekanntgeben.

Die konservative Tageszeitung "Frankfurter Allgemeine" berichtete am 5.August auf der Seite eins über die Arbeit des Koordinationausschuss der Friedensbewegung. In der Anlage fügen wir Ihnen eine Kopie dieses Artikels bei.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard Sczech

Die Geister die man rief, wird man nun nicht mehr los

(Ein Märchen aus dem Hunsrück)
Klemens Probst, Sohren 1989

Es gab einmal in einem Hunsrückdorf ein großes Wiesengelände mit den verschiedensten Obstbäumen darauf. Im Mai verwandelten die Löwenzahnblumen die Wiesen in ein gelbes Blumenmeer. Es war ein Paradies für Milchvieh und allerlei kleines Wildgetier. Doch eines Tages meldete ein Ungeheuer, welches in seiner Unersättlichkeit sich seit Jahren immer dichter an das Dorf heranfraß, neue Begierden an. Im Dorf fand es bereitwillige Helfershelfer. Und so rückten eines Tages große Planierraupen an und walzten das große Wiesengelände mit den Obstbäumen platt. Wie ein Eitergeschwür lag nun das rohe Erdreich - für jedermann sichtbar am Ortsrand. Anfangs glaubten viele Leute im
Dorf, jenes Ungeheuer würde die bereitwillige Herausgabe dieses Landstrichs mit Arbeitsplätzen und Aufträgen für die Handwerker belohnen. Doch schon nach kurzer Zeit wurde den Menschen klar, daß die scheinbare Freundschaft mit dem Ungeheuer trügerisch war. Am Ende waren die Helferhelfer schon froh, als ihnen in einigen wenigen Punkten Mitgestaltungsrechte zugebilligt wurden. Dies versuchen sie seitdem den anderen Dorfbewohnern als große politische Tat zu verkaufen. Immer mehr Leute fragen sich aber, wem die Verschandelung ihres
Dorfes eigentlich Nutzen bringt?

Das Ungeheuer hat seine Heimat zigtausend Kilometer jenseits des großen Meeres. Von dort läßt es seit einigen Wochen alles heranschaffen, was zur Bebauung dieser Löwenzahnwiesen notwendig ist. Die Dorfbewohner stehen wie Zaungäste dabei und betrachten kopfschüttelnd, was da am Rande ihres Ortes geschieht.

Auf großen Schildern wird verkündet was hier geschieht und daß es angeblich ganz von diesem Ungeheuer bezahlt wird. Ist mal alles fertig, ist ein neues Dorf im Hunsrückdorf entstanden, bewohnt von über tausend fremden Menschen mit einer fremden Sprache. "Die müssen hier wohnen, die beschützen euch vor den vielen bösen Feinden, die euch bedrohen," sagt das Ungeheuer. Es ist schon eigenartig! Die meisten Menschen im Dorf sehen überhaupt keine Feinde und fühlen sich auch gar nicht bedroht - es sei denn, gerade von jenem Ungeheuer, welches sich vor ihren Augen breitgemacht hat.

Immer mehr Leute sehen auch, daá diese seltsame Baumaßnahme Folgen haben wird. Sie denken an ihre Kläranlage, die bald überlastet ist, sie denken daran, wo das viele Trinkwasser für die fremden Menschen herkommen soll? Wohin mit dem vielen zusätzlichen Abfall? Wohin mit den vielen Autos, die diese Menschen mitbringen werden? Tagtäglich tauchen neue Fragen auf, auf die es keine zufriedenstellende Antworten mehr gibt. Manche meinen gar, bald nur noch eine
Minderheit in ihrem eigenen Dorf zu sein...