Montag, 17. September 2012

Nahost-Konflikt: Jugendliche erarbeiten Resolution

Rhein-Hunsrück-Zeitung - Kulturelle, politische und religiöse Differenzen lassen sich nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen. Das zeigt ein Blick in den Nahen Osten. Auch nach Jahrzehnten voller Gewalt ist ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern nicht in Sicht – auch wenn ein Hoffnungsschimmer bleibt. In den vergangenen Jahren sind bei Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen mehr als 3000 Menschen getötet worden. Ein Gegenstand des Konflikts ist der Wunsch der Palästinenser nach einem eigenen Staat, dessen Territorium das Westjordanland mit Ost-Jerusalem und den Gazastreifen umfassen soll. Auf beiden Seiten sind die Fronten verhärtet.


Eine Geste des gegenseitigen Vertrauens und der Versöhnung: Die Jugendlichen (von links) Jakob Nehls, Dina Alaraj, Tal Arbel, Carolin Manns, John Bader und Einat Goldmann reichen sich in Oberwesel die Hände.
Maximilian Eckhardt

Während sich im Nahen Osten die Gewaltspirale unvermindert weiterdreht, zeigt sich in Kastellaun ein ganz anderes Bild. Im Hochseilgarten klettert ein Jugendlicher in schwindelerregender Höhe. Andere Jugendliche geben ihm Halt, sichern ihn mit Seilen. Auf den ersten Blick keine ungewöhnliche Situation. Und doch wäre sie im Nahen Osten undenkbar, weil es sich bei den Jugendlichen um Israelis und Palästinenser handelt. Anstelle sich mit Hass und Wut zu begegnen, behandeln sie einander respektvoll, helfen und vertrauen sich gegenseitig. „Der erste Schritt unseres Projekts ist gelungen. Ein friedlicher Dialog aller Beteiligten kommt zustande“, sagt Christof Pies. Der pensionierte Lehrer aus Kastellaun ist Leiter des vom Förderkreis Synagoge Laufersweiler, der Initiative „I Hope“ (Hoffnung für Palästina) und dem Evangelischen Kirchenkreis Simmern-Trarbach getragenen Menschenrechtsprojektes, das auch über die Kreisgrenzen hinaus für Aufsehen sorgt. Es wird gefördert im Programm Europeans For Peace der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Hierbei begegnen sich 40 Jugendliche aus Palästina, Israel und Deutschland, um die eigenen kulturellen, politischen und religiösen Sichtweisen des anderen besser zu verstehen. Doch vorerst werden die alltäglichen Auswirkungen des Nahost-Konflikts außer Acht gelassen. In Kleingruppen widmen sich die Jugendlichen vielmehr dem Thema „Gleichstellung der Geschlechter in Vergangenheit und Gegenwart“ – mit der provokanten Frage „Frauen an den Kochtopf und Männer in den Krieg?“.

Sie besuchen im Kreisgebiet 25 Zeitzeugen und befragen sie zu ihren Erlebnissen im Dritten Reich und der Nachkriegszeit. Interviewpartner sind unter anderem Juden, Muslime, Christen, ein Widerstandskämpfer, ein Wehrmachtssoldat und Angehörige der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Auf den Grundlagen ihrer Recherchen erstellen die Jugendlichen eine englischsprachige Internetzeitung, die voraussichtlich Ende des Jahre online zu lesen ist. Mit viel Engagement arbeiten die jungen Leute im Alter zwischen 15 und 23 Jahren an ihren Artikeln. „Sie sind ein Team“, stellt Pies erleichtert fest. Er, der schon viele Male den Nahen Osten besucht hat, weiß, dass es auch anders hätte kommen können.

Doch jetzt heißt es erst einmal Abschied nehmen. Nach zwei Wochen kehren alle Beteiligten in ihre Heimatländer zurück – mit neuen Erkenntnissen im Gepäck. „Die Israelis und Deutschen sind nett. Ich hoffe, dass wir den Kontakt auch über das Projekt hinaus halten werden“, sagt Dina Alaraj (20) aus Beit Jala in Palästina. Dem stimmt Einat Goldmann (16) aus der israelischen Wüste Negev zu: „Wir haben in der Gruppe eine Menge Spaß.“ Auch die Studentin Carolin Manns aus Koblenz ist zufrieden: „Wir haben Kontakte geknüpft und Gemeinsamkeiten entdeckt. Das ist toll.“ Schon im Oktober treffen die Jugendlichen wieder aufeinander, um am Projekt weiterzuarbeiten. Diesmal im Gästehaus der deutsch-palästinensischen Schule Talitha Kumi bei Bethlehem „Untergebracht werden die Israelis und Palästinenser auf einem Gelände mit zwei Eingängen, der eine vom palästinensischen Gebiet A, der andere vom israelisch kontrollierten Gebiet C. „Sonst wäre eine Zusammenkunft undenkbar“, verdeutlicht Pies die Wirren des Konflikts. Sämtliche Artikel, die im Verlauf des Projekts entstehen, sollen nicht nur auf Englisch im Internet publiziert werden, sondern auch in einer eigenen Printausgabe erscheinen – in deutscher, hebräischer und arabischer Sprache.

Letztlich wollen alle Jugendlichen eine eigene Resolution zum Nah-Ost-Konflikt erarbeiten, die an Politiker aller Länder verschickt werden soll. Die Jugendlichen wollen damit beweisen, dass nur gegenseitiges Kennenlernen Ängste und Vorurteile abbauen und zu einem wirklichen Frieden führen kann. eck
Rhein-Hunsrück-Zeitung 26.8.2012

Freitag, 14. September 2012

Lautzenhausen: „Jed Schauer war en Puff“

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Unter dem Titel „Jed Schouer war en Puff“ (übersetzt: jede Scheune war ein Bordell) berichtet Kulturwissenschaftlerin Anja S. in über die schlüpfrige Vergangenheit des kleinen Ortes Lautzenhausen zu Zeiten der Hahn Airbase. Übrigens, selbst heute noch finden Sie in "Lautze" einige Spuren dieser Vergangenheit. Die RHZ berichtete am 30.12.2010 über das Buch.
Klappentext: In der bäuerlichen Idylle des kleinen Hunsrückdorfes glitzerten einst die Neonschilder der Bars und Nachtlokale. Rund 40 Jahre dauerte die Verrufene Zeit in Lautzenhausen. Und immer noch heißt es: Jed Schouer war en Puff. Aber es ist ein sagenumwobenes Stück Heimat, über das nicht laut gesprochen wird. Jetzt lüftet Anja S. in ihrem Buch erstmals den Vorhang und beschreibt Alles: die Bars und das Dorf, die Bauern und die Zuhälter, die Animierfrauen und die Striptease-Tänzerinnen. Sehr anschaulich, oft humorvoll, gut recherchiert und ein bisschen frivol sind die Geschichten, die von der Autorin zusammengetragen wurden. Damals, als Studentin, und heute, als KuWi, sprach Anja S. mit allen: Fiffi, Heimo, Ossi, Wolfgang, Siegward, Herr Gallo, Franz, Josephine, Jupp, …
Anja S., Jahrgang 1982, stammt aus dem Hunsrück und ist in der Region aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie in Bremen die Fächer Germanistik und Kulturwissenschaft. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die vier außergewöhnlichen Jahrzehnte in Lautzenhausen. Aus dieser Arbeit ist das vorliegende Buch entstanden. „Jed Schouer war en Puff“ ist das erste Buch der Autorin. Heute lebt Anja S. zusammen mit ihrem Mann in Frankfurt am Main und arbeitet im Hunsrück. (Quelle: bod.de)


Das Buch "Jed Schouer war en Puff" kann wieder bestellt werden (ISBN 978-3-8391-7616-0). Zwischenzeitlich war es nicht erhältlich, weil eine Person sich beschwert hatte, darin abgebildet zu sein. 

Bestellen "on demand" bei  bod.de .

 weitere Bücher aus dem Edgar Reitz "Heimat" Umfeld: http://www.heimat123.de/heimlit.htm

 

Sex, Drinks und Rock 'n' Roll: Die Reeperbahn im Hunsrück

 03. April 2011 Volksfreund.de

Sie ließ die Zuhörer schmunzeln, lachen und staunen - und trieb ihnen hier und da auch die Schamesröte ins Gesicht: die erste Lesung von Anja S. über die Lautzenhausener Bars und Etablissements und die Menschen, die dort verkehrten


Amüsantes aus ihrem Buch „Jed Schouer war en Puff“ trägt die Horbrucherin Anja S. in Morbach vor. TV-Foto: Ursula Quickert
Morbach. "Es war wie ein Garten Eden - und oft ging es ums vögeln."

Derbe Worte, die wiedergeben, wie es sich einst in Lautzenhausen lebte. Worte des Freiers Thomas H. - einer der vielen Menschen, die damals in dem Hunsrückort neben dem Flugplatz Hahn häufig gesehene Gäste waren und viele Jahre später von Anja S. über ihre Erlebnisse dort befragt wurden. Zunächst für ihre Magisterarbeit, aus der dann das Buch "Jed Schouer war en Puff: Die verrufene Zeit in Lautzenhausen" entstand.

Zum ersten Mal hat die 29-Jährige aus Horbruch nun selbst in einer Lesung einige Passagen daraus vorgetragen. Der Schauplatz: dem Buchtitel entsprechend die Scheune im Hochwaldhof in Morbach, in Rotlicht getaucht und mit Dessous, Bildern und High Heels dekoriert.

Die Autorin Anja S. kürzt ihren Nachnamen ab, um als Person "nicht aufzufallen", wie sie sagt. Die Menschen in ihrem Buch sollen im Vordergrund stehen.

Die Rückschau beginnt in den 50er Jahren. Von 1953 bis 1993 waren auf dem Hahn Amerikaner stationiert. Und mit ihnen kamen die Kneipen und Vergnügungsetablissements nach Lautzenhausen.

Der Ort sei bald als sündiges Dorf tituliert und die Reeperbahn als Vergleichsmaßstab herangezogen worden, berichtet die Kulturwissenschaftlerin. Aus den biederen Tanz- und Weinlokalen der 50er Jahre wurden Bars mit Animierdamen, Pokerrunden, Rock 'n' Roll und Drinks, die in Deutschland noch als Teufelszeug galten.

Anja S. liest diese Begebenheiten nicht nur vor, sie kommentiert immer wieder das Geschriebene und streut Anekdoten ein. Wie die der Tänzerin Josephine, die farbige Soldaten den weißen vorzog.

Sie berichtet von den HWG-Mädchen mit häufig wechselndem Geschlechtspartner. Und nicht zuletzt von Thomas H. aus dem Ruhrgebiet, der von der Prostituierten Jeanette und ihren sexuellen Praktiken schwärmt: "Das war so ne richtige Drecksau."

Zuletzt erzählen auch einige Zuschauer von ihren Erinnerungen an die sündige Zeit von Lautzenhausen. "Ich hätte meinen Vater herbringen müssen, der hätte was erzählen können", berichtet einer - und ein anderer: "Ich habe mich schon beim Durchfahren verrucht gefühlt."

Eingeladen zur Lesung hatte der Morbacher Verein "Kunst im Gewächshaus", der künftig häufiger solche Veranstaltungen auf die Beine stellen will. Vorsitzender Heiner Berg war mit der Publikumsresonanz zufrieden. Etwa 60 Menschen lauschten in der Scheune den Geschichten von Anja S., "auf diese Zahl hatten wir gehofft." (uq)



Rhein-Hunsrück-Zeitung  30.12.2010

Lautzenhausen - Edgar Reitz war an allem schuld. Zum Abschluss ihres Studiums suchte die Kulturwissenschaftlerin Anja S. das passende Thema.
Die „Lautzer“ Originale ließen bei der Buchvorstellung im „Buena Vista“ die verruchten Zeiten des Hunsrückdorfes wieder aufleben (von links): Ex-Picnic-Koch Franz Thömmes, Gerichtsvollzieher Hans-Eckhard Gallo, Tänzerin Josephine, Dominik-Geschäftsführer Ossi, Autorin Anja S. und Dominik-Geschäftsführer Heimo.
Werner Dupuis
Ihr vom „Heimat-Bazillus“ infizierter Professor wusste Rat. In seinen „Bildern aus den Hunsrückdörfern“ machte Reitz einen Abstecher in das verrufene Dorf Lautzenhausen. „Schreib darüber Deine Magisterarbeit“, empfahl der Professor. Die Hunsrückerin folgte dem Rat und verfasste nach ihrem Examen auch gleich noch ein lesenswertes Buch.
„Jed Schauer war en Puff“ – so lautet der Titel dieses besonderen Stücks Heimatliteratur. Die Autorin ist bei ihrer Recherche tief die Materie eingestiegen. Sie sprach mit Lautzenhausener Dorfbewohnern, Zeitzeugen, Akteuren und Gästen der Kneipen und Spelunken. Sie stöberte zudem in Archiven und studierte eine Vielzahl von Quellen. Entstanden ist ein knapp 200 Seiten dickes Buch, das nichts verschweigt und von einer vergangenen Epoche berichtet.
60 Bars und Kneipen gab es zwischen 1952, als mit dem Bau des Militärflughafens Hahn begonnen wurde, und 1996, als nach dem Abzug der Amerikaner die Umwandlung der Airbase zum zivilen Airport für Ferienflieger und Frachtflugzeuge begann. Das Nachtleben in Lautzenhausen war legendär. Zumindest jeder männliche Hunsrücker kannte eine schlüpfrige Geschichte – auch wenn sie nur seiner Fantasie entsprang. Es ab 110 Konzessionen und jede Menge Geschäftsführer. Mit den „Veronikas“ – so hießen im Amtsdeutsch die leichten Mädchen – prägten sie das Bild des Dorfes. Vier Mark war in den Anfangsjahren ein Dollar wert. Da war es lukrativer, die Scheune zum Etablissement umzubauen, als weiterhin Kühe zu melken.

„Wo früher Huhn und Hahn gegackert, wird heute Rock'n' Roll gewackelt. Was früher mal ein Saustall war, ist heute wieder ein Bar, und somit was es früher war“. So hieß es in der Gründerzeit. Natürlich wurde nicht jede Scheune umgebaut. Aber noch heute hält sich dieses Klischees hartnäckig. Lautzenhausen hatte sein ganz besonderes Flair: Zwischen den grellen Leuchtreklamen dampften weiter die Misthausen. In der Hoffnung, die schnelle Mark zu verdienen, verdingten sich in den 1960er-Jahren immer mehr Frauen als Animier- und Bardamen in dem Hunsrückdorf. Offiziell hießen sie Serviererinnen. Zum Schutz der Sittlichkeit war es den Damen von Amts wegen untersagt, sich in ungeziemender Bekleidung in den Schankräumen aufzuhalten. 1964 zählte das Einwohnermeldeamt fast doppelt soviel Frauen wie Männer in Lauzenhausen.
In den 1970er-Jahren wurde die Gangart etwas härter. Beim Striptease zeigten sich die Tänzerinnen lasziver, die Pornofilme wurden vulgärer. Die Separées für den „besonderen Service“ wurden ausgebaut. Besonders an den Wochenenden ging es heiß her: Kegelclubs, Sport- oder Gesangvereine, Belegschaften und komplette Gemeinderäte machten ihren Jahresausflugs in dem sündigen Dorf. Wenn die Kneipen und Kirmeszelte rund herum Feierabend machten, ging es hier erst richtig los. Ein Stubbi kostete 10, der Cocktail 15 Mark. Den Piccolo gab's für 20 und die halbe Flasche Schampus für 100 Mark – die ganze Flasche war für 200 Mark zu haben. Eine Flasche Sekt war der Mindesteintritt zum Separée. Inklusive Umsatzbeteiligung verdienten die Mädchen zwischen 3000 und 6000 Mark im Monat. Spitzenverdienerinnen kamen auf 10.000 Mark.

In den 1980er-Jahren kam das Ende. Die Bars wandelten sich mehr und mehr zu Bordellen. Prostituierte aus Osteuropa bestimmten immer mehr in der Szene. Razzien wegen des Verdachts auf Menschenhandel waren die Folge. Im Zuge der Ermittlungen wurden Betriebe geschlossen. Barbetreiber setzten sich ins Ausland ab. Besitzer und Namen der Betriebe wechselten ständig. Der Abzug der Amis in den 90er-Jahren bedeutete das endgültige Aus. Anja S. hat in ihrem Buch auch den „Verziehlcher und Stickelcher“ einen Raum gewidmet. In vielen Gesprächen schildern sie ihre Erinnerungen. Der langjährige Ortsbürgermeister Wolfgang Jakobi und sein Nachfolger Siegward Bongard gehören dazu. Aus dem Nähkästchen plauderte Franz Thömmes, der Koch, Geschäftsführer und Mann für alle Fälle. Der charmante Österreicher und Geschäftsführer Heimo war fürs Feine, sein Kollege Ossi fürs Grobe zuständig. Spannend zu lesen ist ein Exkurs mit Gerichtsvollzieher Hans-Eckhard Gallo.
Kontakt hatte die Autorin mit Mike Schnapp, der lange Jahre der unumschränkte Boss in Lautzenhausen war und heute in Israel lebt. Josephine „die Wildsau aus Dänemark“, setzte viele Jahre mit ihrer Erotikshow Maßstäbe auf der Bühne von „Lautze“. Heute lebt sie in Süddeutschland. Bei der Präsentation des Buches im „Buena Vista“ war sie der Star. Rund 200 Gäste waren gekommen. Szenen des Wiedersehens gab es bei Stammgästen und Ehemaligen. Eine strahlende Josephine verbarg ihr Alter unter den wallenden blond gefärbten Haaren und ihrem atemberaubenden Dekolleté. „Ich habe sehr, sehr scharf gearbeitet, immer gepaart mit Ästhetik, Akrobatik und viel Humor“, erinnerte sie sich. Dabei sei es nie billig und ordinär gewesen. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt sie stolz und es scheint, als würde sie am liebsten morgen wieder in Lautzenhausen mit ihrer legendären Schlangennummer auftreten.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Hunsrücker Rainer Engelmann veröffentlicht neues Buch

Foto: hbz / Kristina Schäfer
Nicht alle Menschen auf der Welt können das Leben in Freiheit genießen. Für sie setzen sich Menschen wie Reiner Engelmann bei Amnesty International ein.

„Dass wir heute frei sind...“ - ein Amnesty-International-Lesebuch ist im Sauerländer-Verlag erschienen. Herausgeber sind Urs M. Fiechtner und Reiner Engelmann.

Gemeinsam mit 21 weiteren Autoren haben sie 25 Kurzgeschichten rund um ai und Menschenrechte für Jugendliche ab 14 Jahren verfasst

ISBN: 978-3-7941-8107-0 / Preis: 16, 95 Euro


Für Freiheit und Würde der Schwachen

04.06.2011 - SPRENDLINGEN, Allgemeine Zeitung Mainz

Von Marwin Plän

AMNESTY INTERNATIONAL Reiner Engelmanns Lebensgeschichte ist eng mit der Menschenrechtsorganisation verknüpft

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Kein anderer Satz hat das Leben und Handeln von Reiner Engelmann so geprägt wie dieser erste Satz aus Artikel eins des Grundgesetzes. Denn für den Sprendlinger sind Menschenrechte mehr als eine Herzensangelegenheit, sie sind seine Lebenseinstellung: „Artikel eins des Grundgesetzes bildet die Grundlage für mein gesamtes Tun“, sagt er.

Wie zum Beweis für seine Grundhaltung hat Engelmann gerade das Jugendbuch „Dass wir heute frei sind...“ mit herausgegeben. Anlass für die Sammlung von Kurzgeschichten verschiedener Autoren, darunter auch Engelmann selbst, ist das 50-jährige Bestehen von Amnesty International (ai). Das Buch ist dabei Ausdruck der engen Verbindung zwischen der Menschenrechtsorganisation und der persönlichen Geschichte des Sprendlingers.

Es war Ende der 1960er Jahre, die Zeit der Despoten, der politischen Unruhen und der Studentenrevolten. Auch der damals im Hunsrück lebende Teenager Engelmann und seine Freunde werden erfasst von dem Drang, nicht tatenlos zuzusehen, sondern aktiv gegen die weltweiten Missstände vorzugehen. „Wir wussten, einfach nur darüber reden hilft auch nicht. Deswegen wollten wir aktiv werden“, sagt Engelmann. Dass er letztlich bei ai landet, entspringt allerdings einem Zufall, dem später viele Weitere folgen werden. Er nennt sie „glückliche Fügungen.“

1968 entdeckt er in einer Zeitung einen ganzseitigen Artikel über die Arbeit der Organisation. Engelmann ist fasziniert, reißt den Bericht heraus und reicht ihn in seinem Freundeskreis herum. Mit Folgen: 1969 gründen er und etwa zwanzig weitere junge Menschen in Kastellaun die erste „Amnesty-Gruppe“ des Hunsrücks. „Keiner hat da gefragt: Wie alt seid ihr? Könnt ihr das?“, berichtet Engelmann, „stattdessen waren wir von Anfang an gefragt und wurden gefordert. Das fanden wir klasse.“ Wie groß die Aufgabe ist, für die sich die zumeist Jugendlichen entschieden haben, zeigt sich schnell, als das ai-Sekretariat in London der Gruppe drei Fälle zuweist. Alle drei Personen wurden entgegen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verschleppt und eingesperrt.

Das Ziel für die frisch ins Leben gerufene Gruppe lautet nicht weniger als: Auf die Fälle aufmerksam machen und wenn möglich - die Menschen freibekommen.

Engelmann kümmert sich mit einigen Mitstreitern um den Paraguayer Ignacio Chamarro, der 1959 bereits seit zehn Jahren in seiner Heimat in Haft sitzt - wegen einer Namensverwechslung. Jahrelang schreibt die Gruppe Briefe und Postkarten, macht öffentlich auf den Fall aufmerksam, nimmt an Kampagnen teil und unterstützt ihren Schützling aus der Ferne nach besten Möglichkeiten.

Kurz vor Weihnachten 1979 werden ihre Bemühungen endlich belohnt: Chamarro ist frei.

Nie wieder hätte Engelmann von ihm gehört, wäre ihm nicht eine weitere glückliche Fügung zu Hilfe gekommen: Ende der Achtziger Jahre lernt er auf einer Party einen Paraguayer kennen. Von ihm erfährt Engelmann, dass jener selbst politischer Gefangener war - und Zellennachbar von Chamarro. Der Mann berichtet Engelmann davon, wie sich der Analphabet Chamarro im Gefängnis selbst das Lesen beibrachte, aber auch von der psychischen Belastung, seinem Hungerstreik und „wie er unendlich brutal gefoltert wurde“, sagt Engelmann mit feuchten Augen. Dann huscht ein kleines Lächeln über sein Gesicht: „Die Folter hörte von einem auf den anderen Tag auf. Und zwar genau in der Zeit, als wir begannen, unsere Briefe zu schreiben.“


AMNESTY INTERNATIONAL Reiner Engelmanns Lebensgeschichte ist eng mit der Menschenrechtsorganisation verknüpft

Kleine Erfolgserlebnisse wie diese sind es, die Engelmann zusätzliche Motivation geben, seine verantwortungsvolle Arbeit fortzusetzen und ihm dabei helfen, Rückschläge zu verkraften. Wie jenen in den 1980er Jahren. Damals betreut er ein argentinisches Ehepaar, das nur wenige Wochen nach der Geburt seines Kindes verschwindet - und nie wieder auftauchen sollte. Beide werden im Konzentrationslager ermordet.

Kontakt mit Betroffenen

Doch für einen wie Engelmann ist das Kapitel damit nicht beendet. Durch eine weitere glückliche Fügung kann er Kontakt zur Tochter der Entführten und ihren Eltern aufbauen. Sie treffen sich, fallen sich in die Arme wie alte Freunde und tauschen in nächtelangen Gesprächen Erfahrungen aus.

Solche Begegnungen hinterlassen Spuren in einem Menschen, erst recht in einem wie Reiner Engelmann. Seit 33 Jahren unterrichtet der Sozialpädagoge in einer Kreuznacher Förderschule. Zu den zentralen Anliegen des Vertrauenslehrers gehört es, Jugendliche für die Themen, die Menschen bewegen, zu sensibilisieren. Dazu besucht er mit seinen Schülern das KZ Auschwitz, geht in den Herbstferien auf Lesereisen oder schreibt in den Sommerferien Texte und Jugendbücher. Über Menschenrechte, Gewalt, Drogen, Fremdenfeindlichkeit, Frieden oder Krieg. Das Besondere: Keine der Geschichten ist frei erfunden, alle finden ihren Ursprung in den vielen, vielen Erfahrungen und Erlebnissen Engelmanns. Und in seiner tiefsten Überzeugung:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.


Kruschel erklärt´s: Amnesty International

Menschenrechte sind Rechte, die für alle Menschen auf der Welt gelten sollen. Zu ihnen gehören so wichtige Rechte, wie die auf Leben, Freiheit und Sicherheit oder die Verbote von Folter, Sklaverei und von ungerechtfertigten Verhaftungen.

Leider wird in vielen Ländern gegen diese Rechte verstoßen.

Dann versuchen Organisationen wie Amnesty International mit Aktionen auf die Verstöße aufmerksam zu machen und sie dadurch zu beenden

Samstag, 4. Juni 2011

Abhörprotokolle der deutschen Kriegsgefangenen öffentlich

Alle Namen stehen schon im Web (z.B. Dahl Rudolf, geb 07.11.1912)
Angehörige und Nachfahren von Wehrmachtssoldaten besteht ab sofort die Möglichkeit, Kopien aus den Archivalien zu erhalten, auf denen das Mainzer Fritz Thyssen-Forschungsprojekt „Referenzrahmen des Krieges“ basiert. Das verfügbare Quellenmaterial umfasst über 100.000 Seiten an Akten, die aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Fort Hunt bei Washington stammen. In diesem geheimen Vernehmungslager wurden während des Zweiten Weltkrieges über 3000 deutsche Wehrmachtssoldaten interniert, vernommen und über versteckte Mikrophone heimlich belauscht. Zu jedem einzelnen Gefangenen fertigte die Lagerbürokratie eine Gefangenenakte an.

Sonntag, 29. Mai 2011

Gefallene Soldaten kamen aus Kastellaun und Hannover

Die bei einem Selbstmordanschlag am Samstag in Nordafghanistan getöteten deutschen Soldaten gehörten zu einer niedersächsischen und einer rheinland-pfälzischen Einheit. Das gab die Bundeswehr am Sonntag bekannt.
Gefallene Soldaten kamen aus Kastellaun und Hannover: Die bei einem Selbstmordanschlag am Samstag in Nordafghanistan getöteten deutschen Soldaten gehörten zu einer niedersächsischen und einer rheinland-pfälzischen Einheit. Das gab die Bundeswehr am Sonntag bekannt.
Vergr��ern Gefallene Soldaten kamen aus Kastellaun und Hannover

Berlin (dapd). Bei den Gefallenen handelt es sich demnach um einen 43 Jahre alten Major aus dem Führungsunterstützungsbataillon 282 in Kastellaun und einen 31 Jahre alten Hauptfeldwebel des Feldjägerbataillons 152 aus Hannover.

Die Leichen der beiden Männer seien am Samstag per Hubschrauber von Kundus nach Masar-i-Scharif geflogen worden. Ihre Angehörigen und die Familien der verwundeten Soldaten seien im Laufe des Abends informiert worden, hieß es weiter.

Bei dem Selbstmordattentat auf einen Gebäudekomplex des Gouverneurs der nordafghanischen Provinz Tachar waren neben den beiden deutschen Soldaten mindestens vier Afghanen getötet worden. Fünf Bundeswehrsoldaten wurden zudem verletzt. Einer von ihnen war am Sonntag bereits zurück bei seiner Einheit, drei weitere leicht Verletzte sind nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam auf dem Weg der Besserung. Ein weiterer Soldat erlitt schwere Verletzungen. Unter den Verwundeten ist auch General Markus Kneip, der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe ISAF in Nordafghanistan. Zu dem Anschlag bekannten sich die Taliban.

dapd

Freitag, 20. Mai 2011

Freitag, 29. April 2011

Joachim Mertes und die Hunsrücker Friedensbewegung



Hier eine kleine Materialsammlung aus meinem Archiv 1984:

23.1.1984, Hunsrücker Zeitung in einem Bericht über den SPD Unterbezirksparteitag:

".. In scharfer Form setzte sich Mertes auch mit der geplanten Raketenstationierung auf dem Hunsrück auseinander. Er wisse zwar, daß er für diesen Satz geprügelt werde, wenn man aber von anderer Seite argumentiere, hier würden 120 Millionen Mark investiert und schließlich auch Arbeitsplätze geschaffen, dann müsse er doch daran erinnern, daß auch der Bau von KZ's ökonomisch gewesen sei. Und zwar für jene, die sie gebaut hätten.
„Natürlich werden Leute daran verdienen. Aber man muß sich doch fragen, ob solche Investitionen der Bevölkerung dienen. „Für ihn sei die Landesverteidigung nicht nur Lippenbekenntnis, meinte Mertes. Aber diese Art von Aufrüstung könne er nicht akzeptieren, weil sie herzlich wenig mit Landesverteidigung zu tun habe.
Im weiteren Verlauf des Parteitages stimmten die Delegierten bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung einem Initiativantrag zu. Demnach lehnt die SPD den Bau eines NATO-Stützpunktes bei Hasselbach-Bell entschieden ab. In der Antragsbegründung heißt es, 120 Millionen Mark Kosten seien ein Hohn angesichts der Finanznöte der Gemeinden. Wie Dieter Ney aus Kastellaun weiter erklärte, soll diese Ablehnung nicht etwa eine Verweigerung von Werten wie Freiheit, Demokratie oder Liebe sein, sondern gerade im Gegenteil eine Entscheidung für diese Werte."
Joachim Mertes beteiligt sich an Bürgerinformationsabenden,
in Bell am 2.2.1984. Diese Informationsabende stärken den
Widerstand der Gemeinderäte gegen das NATO Bauvorhaben.
Dabei wurde Mertes (wie auch die Friedensstammtische regelmäßig)
bespitzelt.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Horst Braun: angekettet an der Hahn Air Base

Weihnachten 1983 kettet sich Horst Braun am Tor der
Hahn Air Base an. Das Hunsrück Forum berichtet.

ANGEKETTET AN DAS WAPPEN DER US-AB HAHN
Was bewegt Menschen, die an Heiligabend und an den beiden Weihnachtstagen, der Deutschen liebsten Feiertagen, die behagliche Wohnzimmeratmosphäre im trauten Familienkreis freiwillig mit einem zugigen Freiluftplatz an der Hunsrückhöhenstraße (B 327) vertauschen ?
Und wenn sie sich dann auch noch selbst an einem Betonsockel in der Nähe der viel befahrenen Straße anketten ?
Die Antwort erscheint einfach: Sie wollen Aufmerksamkeit erregen. So geschehen
Weihnachten 1983 !

Drei Männer der Hunsrücker Friedensbewegung ketteten sich am Sockel des Wappens vom Flugplatz HAHN an. Nach ihren eigenen Aussagen wollten sie mit dieser spektakulären Aktion zur Weihnacht nicht nur vom "Frieden singen und sagen hören", sondern die Bevölkerung auf die "friedensbringende Symbolik des Wappens vom Flug platz HAHN", u.a. ein Atompilz (!), aufmerksam machen.
Und analog einer Karikatur von H.Haitzinger ketteten sich die drei Männer am Sockel des HAHN-AB fest, um so die unheilvolle Abhängigkeit der beiden deutschen Staaten von ihren jeweiligen 'Schutzmächten' zu verdeutlichen.
Die Aktion fand Anklang. Nicht nur die Anhänger und Sympatisanten der Friedensbewegung sondern auch Bewohner der umliegenden Hunsrückgcmcindcn kamen, um sich an Ort und Stelle, teilweise aus Neugier, über die in einem Flugblatt vcröffentlichte Aktion zu informieren. Nach einer oftmals sachlichen Diskussion sah sich gar mancher Besucher das Wappen erstmals genauer an und stellte fest: 'tatsächlich ein Atompilz; warum eigentlich.?'
Aber auch mancher Autofahrer unterbrach
spontan seine Fahrt , um sich über die auf einem Schild angezeigte "entmilitarisicrtc Zone" zu unterrichten. Kurze Diskussion, Information, Weinachtsplätzchen - dann ging die Fahrt weiter.
Auch die amerikanische (bereits zehn Minuten nach Beginn der Aktion) und
deutsche Polizei war zu Gast. Außcrgcwöhnliche Vorkommnisse gab's keine.
Als die Angeketteten im Verlaufe ihrer Aktion die Inschrift 'HAHN AB' in HAHN ABM" umgestalteten, blickte doch mancher Besucher nachdenklich ins Gras.

Viele Bewohner der Hunsrückdöfer arbeiten auf dem Militärflughafen als Zivilisten... Eine ebenso unheilvolle Verkettung?

Noch etwas ist zu dem gesamten Vorgang bemerkenswert: Obwohl informiert, erwähnte die Lokalpresse das Geschehen mit keinem Wort...
Noch eine unglückselige Verquickung ?

Klaus & Gabi

Mittwoch, 26. Januar 2011

Horst Braun für Verleihung des rheinland-pfälzischen Friedenspreises 2011 vorgeschlagen

Kirchberg, Mittwoch, 26. Januar 2011

Lieber Hans Ripper,

für die Verleihung des rheinland-pfälzischen Friedenspreises 2011 möchte ich posthum

Horst Braun aus Kirchberg

vorschlagen.

In diesem Jahr jährt sich Horst Brauns Tod zum fünfundzwanzigsten Mal. Im Alter von nur 53 Jahren ist Horst am 29. Dezember 1986 viel, viel zu früh an Lungenkrebs gestorben.

Horst Braun war Bauer und Landwirt, kein Intellektueller – aber unglaublich kreativ. Manchmal bat er sogar jemand von uns aus dem Kreis seiner Freunde und Weggefährten, seine Gedanken zu Papier zu bringen. Für einen Zeitungsartikel oder wieder mal einen Leserbrief gegen den Rüstungswahnsinn oder das Waldsterben – weil wir, wie er sagte, das besser könnten als er.

Horst war Mitinitiator, Mann der ersten Stunde und später der Motor der Hunsrücker Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre. Lange bevor der Hunsrück als Stationierungsort für die 96 cruise missiles des NATO-Doppelbeschlusses bekannt wurde und lange bevor die kirchlichen und christlich orientierten Gruppen im Hunsrück zur Friedensbewegung stießen. Horst Braun war es auch, der die Idee des Friedensackers mit den 96 Kreuzen an der Hunsrückhöhenstraße hatte. Und er war es ebenfalls, der diese Idee selbst umsetzte und die ersten Kreuze auf dem Friedensacker errichtete – 1984 kurz vor dem Hunsrücker Ostermarsch. Der Friedensacker, der Ort, der später überregional, ja fast weltweit zu einem der Symbole für den Widerstand einer ganzen Region gegen den nuklearen Rüstungswahn wurde. Die Idee des Friedensackers wird heutzutage ja oft Karl-August Dahl, dem ehemaligen evangelischen Pfarrer von Bell und späteren Galionsfigur der Hunsrücker Friedensbewegung zugeschrieben. Naheliegend zwar, aber unzutreffend – falsche Legendenbildung.Horst zu Besuch in Bell

Der Bärtige in der Bildmitte mit der Hand am Kreuz-Querbalken auf dem mitgeschickten Bild – das ist Horst Braun, als er die ersten Kreuze aufgestellt hat.

Er erreichte die einfachen und kleinen Leute im Hunsrück. Ihn kannten sie und ihm vertrauten sie – er war einer von ihnen. Einer, dem man glauben konnte. Und es waren viele, die ihn kannten, denn Horst war eine echte Hunsrücker Persönlichkeit. Immer bereit, als erster das zu tun, wozu er auch andere aufforderte. Und eine imposante Erscheinung allemal; nicht umsonst wurde er im ganzen Hunsrück „Tarzan“ genannt. Ohne Horst Braun hätte es die Hunsrücker Friedensbewegung in ihrer Buntheit und Vielfalt und Breite und dem Getragensein durch die gesamte Hunsrücker Bevölkerung so nie gegeben. Horst öffnete uns die Türen zu den Gemeindehäusern in den Hunsrückdörfern, wo wir mit unseren Diavorträgen und Diskussionsveranstaltungen die Bevölkerung über die geheimen Vorhaben der Militärs im Hunsrück und anderswo informieren konnten. In fast jedem Dorf kannte Horst jemand, der uns dabei half – weil Horst mit dabei war!

Weihnachten 1983 hatte Horst die Idee, sich an das Betonmonument am Eingangstor des US Flugplatzes Hahn Air Base anzuketten. Der Betonklotz direkt an der Hunsrückhöhenstraße, den das Wappen der auf dem Hahn stationierten 50th Tactical Fighter Wing, einer Flugstaffel mit Atombewaffnung, zierte: Ein mythologischer Greif mit Atomblitz in seinen Krallen und hinter ihm aufsteigendem Atompilz! Horst fand auch zwei Mitstreiter, die beim Anketten über die Weihnachtsfeiertage 1983 mitmachten. Eine spektakuläre und bis dahin im Hunsrück nie dagewesene Aktion zivilen Ungehorsams, die viel bewegte. Lenkte sie doch das Licht der Öffentlichkeit auf die atomare Bedrohung und Gefahr, die vom Hahn ausging und auf dessen strategische Bedeutung – und darauf, dass er ebenfalls ein Magnet für feindliche Atomraketen des Ostens war. (hierzu habe ich Titelbild mit Horst Braun und Artikel aus HUNSRÜCK-FORUM Nr. 5 mitgeschickt; ebenso noch ein s/w-Bild des angeketteten Horst)

Als Horst gestorben war, weigerte sich der Mittelrhein-Verlag in Koblenz, einen von mir verfassten Nachruf für Horst auf der Seite der Todesanzeigen zu veröffentlichen. Die Anzeige im Namen der Hunsrücker GRÜNEN, Horsts politischer Heimat, erschien auf der Seite mit kommerzieller Werbung – für Kachelöfen! In meiner Grabrede habe ich das damals zum Thema gemacht. Eine Welle von Abo-Kündigungen und Protestbriefen und auch Anzeigen gegen den Verlag waren die Folge.

Nach Horsts Beerdigung im Januar 1987 schrieb seine Frau Christa, später die erste Gleichstellungsbeauftragte des Rhein-Hunsrück-Kreises, einen Brief an uns, die Hunsrücker Friedensgruppe. Hieraus möchte ich ein paar Passagen zitieren:

>>>

„Liebe Freundinnen und Freunde der Friedensgruppe,

nicht ohne Stolz und Dankbarkeit habe ich die vielen und auch besonderen Nachrufe gelesen. Wiederholt wurde ich deshalb angesprochen, viele wußten gar nicht, was für ein Mann der Horst war. – Ich wußte es schon. – Und wenn Sie schreiben, „unser väterlicher Freund“, dann kannten Sie ihn vielleicht die letzten 10 Jahre. Aber vor ca. 25 Jahren, als er Mauern ohne Anlauf übersprang (schließlich war er auch mal Rheinlandmeister) da ging es erst ab, um es im Jargon der Jugend zusagen.

Obwohl er den Showeffekt liebte, hat er auch sehr viel getan, ohne daß die Öffentlichkeit davon erfuhr. Mir fallen spontan einige Dinge ein :z.B. Wanderungen mit Schmiedelkindern [Anm.: Das Schmiedel ist ein Kinderheim nahe Simmern], er half beim Ausbau der Sonderschule in Schönborn [Anm.: gemeint ist die erste Schule für geistig behinderte Kinder in der Hunsrück-Region], er sorgte für Aussiedlerfamilien, er hielt über Jahre Diavorträge für die Christoffeler Blindenmission, er kämpfte für Raiffeisen, die Molkerei und gegen Waldsterben [Anm.: Horst war einer der Ersten, wenn nicht sogar der Erste in Rheinland-Pfalz, der Anfang der 80er Jahre kranke Bäume am Waldrand mit großen weißen Kreuzen bemalte, um auf das Waldsterben aufmerksam zu machen]. Er sammelte Material für ein Buch über eine Biogasanlage, machte Überlebenstraining, fuhr Kajak. Aber seine große Liebe waren seine Wildnisexpeditionen in Kanada. Dies alles neben der Landwirtschaft, die auch keinen 8 Stundentag kennt. Etwas blieb dabei auf der Strecke, das war seine Familie. Es war bei uns nie langweilig, aber Zeit hatte er für uns kaum.
[...]
Die furchtbare Voreingenommenheit vieler gegen die GRÜNEN und auch gegen Friedensgruppen, das waren Dinge, die unseren Horst nicht entmutigt haben, im Gegenteil: Mit Zivilcourage und manchmal auch zivilem Ungehorsam nahm er manchen Kampf auf. Mehr als einmal habe ich ängstlich fragenden Blickes der Polizei die Tür öffnen müssen.

Wie gern würde ich selbst die Zeit noch einmal zurückschrauben. Auch die zwei Jahre seiner Krankheit hatten ein positives Eckchen – es waren die einzigen der 23 Jahre, in denen wir Zeit für uns hatten.“

<<<

Mir ist bewusst, dass sich die Arbeitsgemeinschaft der Friedensgruppen in Rheinland-Pfalz schwertun wird, nach 2009 den rheinland-pfälzischen Friedenspreis 2011 wieder an eine Person aus dem Hunsrück zu verleihen. Aber: Elisabeth Bernhard, die ich persönlich seit den Anfängen ihres Engagements in der Friedensbewegung gut kenne und sehr schätze und die zu Recht den Friedenspreis erhalten hat, zu ihrem neunzigsten Geburtstag diese Ehre zuteil werden zu lassen und Horst Braun zu seinem fünfundzwanzigsten Todestag zu vergessen, ist für mich undenkbar. Es wäre ein nicht wieder gutzumachender Fauxpas!

Die Chance, noch einmal an Horst Braun zu erinnern und ihm die Ehre dieser Preisverleihung zuteil werden zu lassen, bietet sich 2011 in besonderem Maße und wahrscheinlich zum letzten Mal: Es ist das Jahr seines fünfundzwanzigsten Todestages – es ist aber auch das Jahr, in dem sich die Hunsrücker Großdemo gegen NATO-Nachrüstung und Stationierung neuer Atomraketen mit über 180.000 Teilnehmern auf dem Beller Markt am 11. Oktober zum fünfundzwanzigsten Mal jährt und an der Horst schon nicht mehr teilnehmen konnte, weil er todkrank war. Es wäre der gebührende Anlass und Rahmen, um noch einmal an eine ganz große Persönlichkeit der ganz frühen Hunsrücker Friedensbewegung zu erinnern.

Denn nur wer vergessen ist, ist wirklich tot...


Mit den besten Grüßen
Axel Weirich

Freund und Weggefährte von Horst Braun und Mitbegründer der Hunsrücker FriedensbewegungHorst Braun in der Wildnis seines geliebten Kanada

Montag, 11. Oktober 2010

Demonstrationen in Kastellaun

Vor dem Kastellauner Tivoli treffen sich Demonstranten
um gegen die Aufrüstung zu demonstrieren.



Am Ortseingang von Kastellaun wird ab dem Sommer 1986
zur Demonstration am 10. Oktober 1986 aufgerufen.


Unterstützer(innen) malen Transparente


Vor der Raktenstation PYDNA wird an einem Infostand
über die atomare Bedrohung informiert.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Hunsrück statt BUCKELN

Die Mauer an der PYDNA Cruise Missiles Atomraketenstation wurde
immer wieder mit neuen Motiven bemalt. Die Militärverwaltung ließ
die Sprüche umgehend abwaschen oder übermalen.

Helmut Kohl´s Märchenpark

Wo bleibt die Phantasie?
Das ist eure letzte Mauer!

Warum singt und komponiert ihr nicht?
Warum malt und modelliert ihr nicht?
Warum schreit und randaliert ihr nicht?
Ich habe Angst vor blindem Gehorsam
Nelson Mandela
Beton ersetzt kein Hirn!

Jesus off limits!
Wenn dann der Fluß
das ganze Tal erfüllt
hör ich mein eigenes Singen
Stummheit und Leere sind fortgespült
jetzt kann mich niemand mehr
zwingen
Haben oder Sein
Zwischen der Vergewaltigung
einer Frau,
eines Landes und der Erde
besteht kein wesentlicher
Unterschied!

Kastellaun Bopparder Straße 25

Die Friedenbewegung mischt sich in den 80er Jahren
auch schon mal locker unter die Aufmärsche der
Bundeswehr in Kastellaun.

Hier im Bild der amerikanische Staatsbürger André Gingerich Stoner,
mittlerweile Direktor
of Interchurch Relations, Mennonite Church USA
.




Das "Hunsrücker Friedensbüro" in der Bopparder Straße 25 in Kastellaun
bekommt 1984 eine angemessene Außenfassade.


Freitag, 1. Oktober 2010

Bell, Gasthaus Karbach

Bell war eines der Zentren im Kampf gegen die Atomraketen Stationierung.

Viele Informations- und Diskussionsveranstaltungen wurden bei
"Karbachs" abgehalten - dem späteren Bell-Vue.













Ausstellung: Blockade der Raktenstation

Eine Sonderausstellung in Kastellaun erzählt von den Blockaden vor dem Militärgelände in Zeiten des Kalten Kriegs. Zur Eröffnung kamen auch die Friedensaktivisten (von links) Heidrun Kisters, Karl-August von Dahl und Hermann Theisen, der als Zeitzeuge in Kastellaun über die Erfahrungen bei den Blockaden berichtete. Bei der Blockade-Aktion in Hasselbach am 21. November 1986 trug die Polizei zwölf Frauen und vier Männer zur Seite. M Foto: Dieter Junker/Archiv Jochen Magnus

Erinnerung an (friedens)bewegte Zeit

In Kastellaun beleuchtet eine Sonderausstellung die Blockaden der Cruise-Missiles-Station in den 80er-Jahren

Es war eine aufregende Zeit für den Hunsrück, als in der Nähe von Hasselbach 96 Cruise-Missiles stationiert werden sollten. Die Friedensbewegung organisierte dagegen Mahnwachen, Demonstrationen, Friedensgebete und Ostermärsche. Eine für den Hunsrück bis dahin unbekannte Protestform waren die Sitzblockaden vor den Toren des Stationierungsgeländes. Eine Ausstellung in Kastellaun erinnert nun an diese Zeit.

Kastellaun. Die Blockaden der Cruise-Missiles-Station bei Hasselbach in den 80er-Jahren stehen im Mittelpunkt einer Sonderausstellung des Hauses der regionalen Geschichte auf der Unterburg in Kastellaun, die am vergangenen Wochenende eröffnet wurde. Die zahlreichen Originaldokumente, die Fotos, Presseberichte und Filme, die dort gezeigt werden, erlauben einen spannenden Einblick in eine nicht nur für den Hunsrück bewegte Zeit.

„Viele Menschen haben die atomare Hochrüstung in der Zeit des Kalten Krieges als Verbrechen gegen die Menschheit angesehen. Dabei wurde auch mit Blockaden von militärischen Einrichtungen gegen diesen Rüstungswahn protestiert“, so Heidrun Kisters (Kirchberg), die Vorsitzende des Vereins für friedenspolitische und demokratische Bildung, der diese Ausstellung konzipiert und initiiert hat.

„Es war ein Gefühl der Bedrohung, das uns damals dazu veranlasste, etwas gegen die Aufrüstung zu tun“, erinnerte sich Hermann Theisen aus Heidelberg. Der Sozialpädagoge gehörte zu den Blockierern. Als Zeitzeuge berichtete er bei der Ausstellungseröffnung über seine damaligen Erfahrungen.

„Wir wollten unseren Protest zum Ausdruck bringen und waren auch später trotz Verurteilung durch Gerichte davon überzeugt, uns nicht strafbar gemacht zu haben“, so Hermann Theisen, der seine Strafe in Mainz im Gefängnis absaß. „Ich war nicht bereit, die Geldstrafe zu bezahlen, weil ich mir sicher war, nichts Unrechtes getan zu haben“, so Theisen.

Verurteilt wurde damals auch der evangelische Pfarrer Karl-August von Dahl, der einer der ersten war, die sich wegen ihrer Teilnahme an den Blockaden vor Gericht verantworten mussten. In Kastellaun wiederholte er seine damalige Demonstration vor dem Amtsgericht, als er in eine Plastikschüssel Bleikugeln als Symbole für die Vernichtungskraft der atomaren Waffen fallen ließ, um so den Aberwitz der atomaren Rüstung zu veranschaulichen. „Durch diese Massenvernichtungsmittel stand und steht die Schöpfung Gottes auf dem Spiel. Dem ohne Widerspruch oder tatenlos zugesehen zu haben, wäre eine Sünde gegen Gott und die Welt gewesen“, so Dahl.

Diese Aktion von Pfarrer Dahl, seine Verteidigungsrede vor dem Amtsgericht, aber auch die Plädoyers vieler anderer Blockierer, ebenso die Diskussionen innerhalb der Friedensbewegung über die Blockaden oder die zahlreichen Prozesse bis hin zum Bundesverfassungsgericht sind Teil der Ausstellung, die einen interessanten Einblick in die Jahre gewährt, als der Hunsrück im bundesweiten Fokus der politischen Diskussionen stand.

Dreimal wurde zwischen November 1986 und Oktober 1987 das Stationierungsgelände der Cruise Missiles in der Nähe von Hasselbach von Mitgliedern der Friedensbewegung blockiert. Den gewaltfreien Blockaden folgte eine Prozesswelle, die im Frühjahr 1987 beim Amtsgericht in Simmern begann, insgesamt drei Instanzen durchlief und in den meisten Fällen zur Verurteilung führte. Strafverfahren gab es zudem gegen zahlreiche Unterzeichner der Aufrufe zu diesen Blockaden. 1995 wurden nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts die Verurteilten vom Vorwurf der Nötigung freigesprochen und entschädigt.

Viele, die sich damals an den Aktionen der Friedensbewegung beteiligt hatten, waren nach Kastellaun gekommen, um an der Ausstellungseröffnung teilzunehmen, sich aber auch wieder an diese Zeit zu erinnern, die auch ihr eigenes Leben prägte, wie Heidrun Kisters bei der Eröffnung betonte. Die Ausstellung wird noch bis April 2011 zu sehen sein.

Dieter Junker

M Sonderausstellung „Heute zu!“ im Haus der regionalen Geschichte in Kastellaun, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr

Rhein-Hunsrück-Zeitung vom Dienstag, 7. September 2010, Seite 14

Donnerstag, 23. September 2010

Spätes Geständnis eines Polizisten

Eine Abgeordnete wird wegen Beamtenbeleidigung angezeigt und verurteilt. 25 Jahre später gesteht ein Polizist: "Wir haben gelogen". Er und der Anwalt erinnern sich.

(aus der taz vom 21.11.2008)

Eine abenteuerliche Geschichte über ein spätes Geständnis in der taz .