Freitag, 1. Oktober 2010

Ausstellung: Blockade der Raktenstation

Eine Sonderausstellung in Kastellaun erzählt von den Blockaden vor dem Militärgelände in Zeiten des Kalten Kriegs. Zur Eröffnung kamen auch die Friedensaktivisten (von links) Heidrun Kisters, Karl-August von Dahl und Hermann Theisen, der als Zeitzeuge in Kastellaun über die Erfahrungen bei den Blockaden berichtete. Bei der Blockade-Aktion in Hasselbach am 21. November 1986 trug die Polizei zwölf Frauen und vier Männer zur Seite. M Foto: Dieter Junker/Archiv Jochen Magnus

Erinnerung an (friedens)bewegte Zeit

In Kastellaun beleuchtet eine Sonderausstellung die Blockaden der Cruise-Missiles-Station in den 80er-Jahren

Es war eine aufregende Zeit für den Hunsrück, als in der Nähe von Hasselbach 96 Cruise-Missiles stationiert werden sollten. Die Friedensbewegung organisierte dagegen Mahnwachen, Demonstrationen, Friedensgebete und Ostermärsche. Eine für den Hunsrück bis dahin unbekannte Protestform waren die Sitzblockaden vor den Toren des Stationierungsgeländes. Eine Ausstellung in Kastellaun erinnert nun an diese Zeit.

Kastellaun. Die Blockaden der Cruise-Missiles-Station bei Hasselbach in den 80er-Jahren stehen im Mittelpunkt einer Sonderausstellung des Hauses der regionalen Geschichte auf der Unterburg in Kastellaun, die am vergangenen Wochenende eröffnet wurde. Die zahlreichen Originaldokumente, die Fotos, Presseberichte und Filme, die dort gezeigt werden, erlauben einen spannenden Einblick in eine nicht nur für den Hunsrück bewegte Zeit.

„Viele Menschen haben die atomare Hochrüstung in der Zeit des Kalten Krieges als Verbrechen gegen die Menschheit angesehen. Dabei wurde auch mit Blockaden von militärischen Einrichtungen gegen diesen Rüstungswahn protestiert“, so Heidrun Kisters (Kirchberg), die Vorsitzende des Vereins für friedenspolitische und demokratische Bildung, der diese Ausstellung konzipiert und initiiert hat.

„Es war ein Gefühl der Bedrohung, das uns damals dazu veranlasste, etwas gegen die Aufrüstung zu tun“, erinnerte sich Hermann Theisen aus Heidelberg. Der Sozialpädagoge gehörte zu den Blockierern. Als Zeitzeuge berichtete er bei der Ausstellungseröffnung über seine damaligen Erfahrungen.

„Wir wollten unseren Protest zum Ausdruck bringen und waren auch später trotz Verurteilung durch Gerichte davon überzeugt, uns nicht strafbar gemacht zu haben“, so Hermann Theisen, der seine Strafe in Mainz im Gefängnis absaß. „Ich war nicht bereit, die Geldstrafe zu bezahlen, weil ich mir sicher war, nichts Unrechtes getan zu haben“, so Theisen.

Verurteilt wurde damals auch der evangelische Pfarrer Karl-August von Dahl, der einer der ersten war, die sich wegen ihrer Teilnahme an den Blockaden vor Gericht verantworten mussten. In Kastellaun wiederholte er seine damalige Demonstration vor dem Amtsgericht, als er in eine Plastikschüssel Bleikugeln als Symbole für die Vernichtungskraft der atomaren Waffen fallen ließ, um so den Aberwitz der atomaren Rüstung zu veranschaulichen. „Durch diese Massenvernichtungsmittel stand und steht die Schöpfung Gottes auf dem Spiel. Dem ohne Widerspruch oder tatenlos zugesehen zu haben, wäre eine Sünde gegen Gott und die Welt gewesen“, so Dahl.

Diese Aktion von Pfarrer Dahl, seine Verteidigungsrede vor dem Amtsgericht, aber auch die Plädoyers vieler anderer Blockierer, ebenso die Diskussionen innerhalb der Friedensbewegung über die Blockaden oder die zahlreichen Prozesse bis hin zum Bundesverfassungsgericht sind Teil der Ausstellung, die einen interessanten Einblick in die Jahre gewährt, als der Hunsrück im bundesweiten Fokus der politischen Diskussionen stand.

Dreimal wurde zwischen November 1986 und Oktober 1987 das Stationierungsgelände der Cruise Missiles in der Nähe von Hasselbach von Mitgliedern der Friedensbewegung blockiert. Den gewaltfreien Blockaden folgte eine Prozesswelle, die im Frühjahr 1987 beim Amtsgericht in Simmern begann, insgesamt drei Instanzen durchlief und in den meisten Fällen zur Verurteilung führte. Strafverfahren gab es zudem gegen zahlreiche Unterzeichner der Aufrufe zu diesen Blockaden. 1995 wurden nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts die Verurteilten vom Vorwurf der Nötigung freigesprochen und entschädigt.

Viele, die sich damals an den Aktionen der Friedensbewegung beteiligt hatten, waren nach Kastellaun gekommen, um an der Ausstellungseröffnung teilzunehmen, sich aber auch wieder an diese Zeit zu erinnern, die auch ihr eigenes Leben prägte, wie Heidrun Kisters bei der Eröffnung betonte. Die Ausstellung wird noch bis April 2011 zu sehen sein.

Dieter Junker

M Sonderausstellung „Heute zu!“ im Haus der regionalen Geschichte in Kastellaun, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr

Rhein-Hunsrück-Zeitung vom Dienstag, 7. September 2010, Seite 14

1 Kommentar:

  1. Mehr zum Thema Hunsrück-Blockaden und der Sonderausstellung zum gleichen Thema - Bilder, Hintergründe, original Zeitungsartikel - gibt es unter

    http://www.fi-hunsrueck.de/Themen-Blockaden.etc

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